Die Condottieri (Söldnerkapitäne)

Der Condottiere war, genau entsprechend der Bedeutung seines Namens, ein vertraglich gebundener Soldat.

Über 200 Jahre hinweg wurde in Italien Krieg durch Söldnerverträge, d.h. also mit Hilfe der Condottieri geführt.

Obwohl wir den Condottiere üblicherweise dem 14. oder 15. Jahrhundert zuordnen, sind die Ursachen für die Entwicklung des Söldnerwesens in der europäischen Kriegführung des 13. Jahrhunderts zu suchen. Zu dieser Zeit tauchten die Söldner zum ersten Mal in größerer Zahl in den Heeren der Feudalherren und frühen Kommunen auf. Insbesondere in Nord- und Mittelitalien führte das rasche Wachstum der Wirtschaft, der Städte und des urbanen Wohlstands zu immer lohnenderen Kriegszielen, aber auch zu immer größerem Aufwand an Mensch und Material.

Die Rivalität zwischen den einzelnen Städten, die zunächst wirtschaftliche Gründe, dann aber zunehmend territoriale Streitigkeiten zur Ursache hatten, führten zu fortgesetzten Spannungen und ständigen Kleinkriegen. Im Laufe des 13. Jahrhunderts wurde es jedoch für die Städte immer schwieriger, genügend Bürger anzuwerben, um aggressive Vorstöße gegen die Nachbarstädte zu unternehmen.

Zur gleichen Zeit führten das Bevölkerungswachstum, die Kreuzzugsbewegung und das Aufkommen des Erstgeburtsrechts in den Land besitzenden Schichten bestimmter Regionen Europas zu einer Überzahl von gut ausgebildeten, aber häufig beschäftigungslosen Kampfverbänden, die begannen nach Italien zu ziehen. Ursprünglich war also die Mehrzahl der Söldner nicht italienischer Herkunft. Durch die Eroberung Süditaliens durch das Haus Anjou kam eine große Zahl an französischen Truppen ins Land. Mit der Ankunft Heinrich VII und einer Erneuerung seiner imperialen Machtansprüche in Italien strömten im 14. Jahrhundert viele Deutsche nach Süden. In den Jahren nach 1340, nach dem Johanna von Neapel den jüngeren Bruder des Königs von Ungarn geheiratet hatte und dieser später ermordet wurde, kamen große Kontingente ungarischer Truppen hinzu. Nach 1360 folgten schließlich noch straff organisierte englische und französische Truppen hinzu. Diese suchten eine Ersatzeinsatzmöglichkeit nach dem Ende des Hundertjährigen Krieges.


Zunächst waren diese fremden Truppenverbände noch relativ klein. Die ersten noch erhaltenen Soldverträge, die „condotte“, stammen aus den Jahren zwischen 1260 und 1270, und die Heerführer, die sie unterzeichnet hatten, waren bald als Condottieri bekannt.

Kernstück des Condottieriwesens war di condotta, der Vertrag der festlegte, unter welchen Bedingungen der Södnerführer und seine Männer zu dienen hatten. Condotte waren natürlich nicht auf den militärischen Bereich beschränkt, sondern auch im Wirtschaftsleben üblich, bei der Einstellung von Lehrern und Universitätsprofessoren, bei der Gründung eines Hofes oder der Bildung eines fürstlichen Gefolges. Ähnliche militärische Verträge wurden im Hundertjährigen Krieg auch auf englischer und französischer Seite geschlossen. Die condotte, die weitgehend von den Staaten diktiert und nicht etwa von den Condottieri gefordert wurden, wurden im 14. Jahrhundert in Italien zunehmend nach einem sorgfältig ausformulierten, festgelegten Konzept abgefasst.

Der Vertrag bestimmte die Art der vereinbarten Dienste (voller Lohn, halber Lohn oder Lohn in aspetto), die Größe, Ausrüstung und Waffengattung der Truppe, die den Dienst aufnehmen sollte, die Besoldungsskala, zusätzliche Vergütungen, Vertragsstrafen und die Dauer der Dienstzeit.

Im 14. Jahrhundert war die Vertragsdauer speziell an den unmittelbaren militärischen Erfordernissen orientiert. Die Dienstzeit war auf einen bestimmten Feldzug beschränkt und dauerte zwischen einem und höchsten sechs Monaten. Nach Ablauf des Vertrages waren die Condottieri wieder Herr ihrer selbst.
Im 15.Jahrhundert wurde es dann üblich, eine Möglichkeit zur Erneuerung des Vertrags einzubauen, indem eine Einhaltungs- (rispetto) oder Einwilligungsfrist (beneplacito) festgelegt wurde, die sich an die normal Vertragsfrist (ferma) anschloß. Dadurch erhielt der Dienstherr eine Bedenkzeit, in der er entscheiden konnte, ob er den Vertrag erneuern oder es dem Condottieri erlauben wollte, anderswo seine Dienste anzubieten. Mitte des 15. Jahrhunderts schlossen die meisten Staaten condotte, deren Mindestdauer ein Jahr betrug, und die meisten Condottieri konnten mit einem permanenten Dienstverhältnis rechnen. Die Verträge wurden auch flexibler, das kam darin zum Ausdruck, dass für den Dienst in Friedens- wie auch in Kriegszeiten ein- und derselbe Vertrag gelten konnte. Auf diese Weise konnte ein Condottieri, der in Friedenszeiten im Winterquartier lag, zu den Waffen gerufen werden, die Ermächtigung zur Anwerbung von zusätzlichen Soldaten erhalten und dafür einen dementsprechend höheren Sold bekommen, all das im Rahmen eines einzelnen Vertrags.

Wer galt als Condottieri: Theoretisch galt jeder Soldat, der sich durch Unterzeichnung einer condotta zum Militärdienst verpflichtet hatte als Condottiere. Der Begriff wurde sowohl für Kriegsleute verwendet, die sich lediglich zur Anwerbung von fünf Gefolgsleuten verpflichtet hatten, als auch für große Heerführer, die 2000 Mann unter ihrem Kommando hatten. Nichtsdestoweniger meinen wir heute meist die Befehlshaber zahlenmäßig starker, berittener Truppen, wenn wir den Titel „Condottieri“ benutzen. Hauptleute der Infanterie wurden zwar auf die gleiche Weise angeworben, jedoch normalerweise als „conestabili“, und nicht als Condottieri bezeichnet. Über sie lässt sich jedoch in jeder Hinsicht, sogar in Bezug auf ihr gesellschaftliches Prestige, das gleiche sagen wie über die Condottieri.

Wer waren die Condottieri: Die große Mehrheit der Condottieri war adliger Herkunft, denn die Fertigkeit und die Bildung, den gesellschaftlichen Status und die wirtschaftliche Basis, die im späten Mittelalter zur Anwerbung und Führung von Truppenverbänden erforderlich war, besaßen im wesentlichen allein Angehörige des Adelsstandes. Nur wenige Nicht-Adlige kamen durch eine militärische Laufbahn zu Ruhm und Ehren. Natürlich gab es auch Ausnahmen, Muzio Attendolo, der unter dem Namen Sforza bekannt war, gehörte zu einer nicht-adligen und weniger bedeutenden Sippe von Grundbesitzern aus der Romagna, die jedoch durch ihren Landbesitz und ihre gesellschaftliche Verbindung große Vorteile bei der Anwerbung von Soldaten genossen. Sein Sohn Francesco wird oft als Paradebeispiel eines Condottiero genannt, der es später bis zum Herzog von Mailand brachte. Niccoló Piccinino und Erasmo da Narni, der unter dem Namen Gattamelata bekannt wurde, können als Beispiele für jene Männer von weniger hohem gesellschaftlichen Rang angesehen werden, die mit militärischen Können und Glück empor kamen. Die allermeisten Condottieri trugen adlige Namen, sie stammten aus den Geschlechtern der Orsini und der Colonna, der Baglione und der Fortebracci, der Malaspina, der Sanseverina und der Trivulzio. Im wesentlichen jedoch konnten die ruhmreichen Condottierigeschlechter der Manfredi, der Malatesta, der Montefeltre, der d´Este, der Gonzaga und der Bentivoglio ihren Aufstieg zu Signori auf ihre adlige Herkunft aufbauen.



Kriegsführung durch Söldnerkapitäne: Militärisches Handeln im Mächtegefüge Italiens wurde vom Ende des 14. bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts durch Söldnerkapitäne und ihre Kompanien betrieben. Während auf diplomatischer Ebene der Außenpolitik höfische Eliten oder wie im Fall der Republik Venedig, Lucca, Siena und Florenz patrizisch-merkantile Führungsschichten agierten, übernahmen die militärische Seite außenpolitischen Handelns vor allem Condottieri und ihre Söldnertruppen. Aufgrund der Schwäche, insbesondere der Feudalherren Mittelitaliens, kamen im Spätmittelalter Söldnerheere zum Zuge. Seit dem Hochmittelalter sorgten Neuerungen in Kriegstechnik und Taktik wie der Einsatz umfangreicher Infanteriekontingente oder die Einbeziehung von Bogenschützen für einen Wandel, der den Einsatz von Söldnerkompanien begünstigte. Obgleich sich viele italienische Regierungen um eine Limitierung der Söldnerkompanien bemühten, begünstigte der Überschuss an Arbeitskräften in strukturschwachen Regionen die Zunahme der Söldnertruppen. Der Hundertjährige Krieg zwischen England und Frankreich lieferte zudem professionelle Söldnerkapitäne wie etwa ab 1360 den Engländer John Hawkwood mit seiner „Weißen Kompanie“. Um die Wende zum Quattrocento (= 15. Jahrhundert) lösten die von Söldnerkapitänen geführten Söldnerheere die großen Kompanien ab. Der Gegensatz zweier einflussreicher „Schulen“ bestimmte die Kriegsführung im Italien des frühen 15. Jahrhunderts. Auf der einen Seite standen die „Bracceschi“, benannt nach Braccio da Montone, auf der anderen die „Sforzeschi“, deren Bezeichnung auf den Beinamen des Muzio Attendoli zurückgeht. Die Konkurrenz beider Condottieri-Schulen wurde zu einer Chiffre für Bündniskonstellationen.

Die Condottieri und ihre Auftraggeber: Formal betrachtet waren die Söldnerkapitäne oder Condottieri Vertragsnehmer, die mit einem Fürsten oder einer Republik einen Soldvertrag die Condotta, abschlossen. Inhalt der „capitoli“ (=Kapitel) des Soldvertrags war Inkrafttreten, Zeitdauer, Unfang und Vergütung militärischer Leistung. Der Fachjargon bezeichnete einen Condottiero als „Capitano di gente d´arme“ oder „Capitano degli uomini d´arme“, wobei der uomo d´arme speziell der Mann unter schweren Waffen (einen Panzerreiter) meinte. Als professioneller Organisator militärischer Leistungen war ein Söldnerkapitän verantwortlich für Rekrutierung, die Mobilisierung und die Logistik seiner Kompanie, ebenso für seiner Unterkapitäne und deren Truppenkontingente.

Die Basiseinheit einer Kompanie war die „lancia“, bestehend aus einem schweren Reiter (uomo d´arme), einem Reiter (cavallo leggiero), und einem ragazzo bzw. paggio (=Page). Der schwere Reiter war der capolancia. Üblicherweise wurden einer lancia noch sublance angehängt, die aber nicht zwingend dieselbe Struktur hatte wie die erste. Die erste lancia wurde von einem caporale angeführtund konnte noch um einen cavaliere und einen paggio erweitert werden. Mehrere lance wurden zu einer squadra zusammengefasst, den caposquadra wies man üblicherweise als condottiero aus. Durch diese Struktur konnten unterschiedliche Zusammensetzungen von Kompanien zustande kommen, auch konnten die schweren Reiter oder die leichten Reiter zu Einheiten zusammengezogen werden. Die Anführer von Fußtruppen und Infanteriegeneräle wie Andrea di Santello da Corsica oder Baldaccio d´Anghiari nannten sich „comestabili“. Große Infanterieregimenter verfügten auch über einige schwere Reiter. Festungskommandanten bzw. Anführer von Festungsbesatzungen hießen „castellani“.

Der Söldnerkapitän verfügte über eine „casa“, durch die er die Verwaltung seiner Kompanie organisierte. Die casa war eine Einrichtung, die vom militärischen Stab bis zu einer Art mobilen Hofes reichte. Mitglieder dieses Kerns seiner Kompanie wie „cancellieri“ oder „segretari“ sandte er zu Sondierungsgesprächen aus, ließ durch sie bei Auftraggebern verhandeln, die condotta abschließen und seine Interessen vertreten.

Einnahmen der Condottieri: Ein Spitzenverdiener wie der Liga-General Francesco Sforza, der einen großen Teil der Ausgaben für die militärische Ausenpolitik der Republik Florenz verzehrte, erhielt 140 für seien Dienst mit 1300 „lance“ und 1300 „fanti“ von Florenz fl 63168. Während der Kriegsmonate von Juni bis November zahlte Florenz allein fl 45150, obschon er mit dem Hauptteil seiner Söldnerverbände in der Lombardei für den Bündnispartner Venedig focht.

Ein kleiner Ausflug in die damalige Währung:
fl = Fiorini (=Florin)
lb = Lire (=Pfund)
sl = Soldi
d = Denaro
fl d óro = Goldflorin (Goldwährung, meist nicht ausbezahlt)
fl de camera = Florin (Rechnungswährung)
fl di sugello = Silberflorin (Zahlungswährung)
fl rheinisch = Gulden rheinisch

Regel:
fl 1 = lb 4 = sl 4x16 = d 4x16x12

Andere gebräuchliche Währungen:
Duc = Ducati
lb imperiali = Mailänder Lire / Pfund
scd = scudi



Regel:
fl 1 = 1, 2 duc
fl 1 = 4, 4 lb imperiali

Quellen:
Die Condottieri von Geoffrey Trease
Cosimo de Medici die Gesandten und die Condottieri von Dr.Heinrich Lang